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GRM-Herbstforum

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Zwischen Medien-Hype und medizinischer Hoffnung

Das diesjährige Herbstforum der Deutschen Gesellschaft für Regenerative Medizin (GRM) fand am 23. November in Berlin statt - in einer Woche also, in der die Aufregung um das Thema Stammzellen weltweit erneut groß war. Der Erfolg von zwei Forschergruppen aus den USA und aus Japan bei der Herstellung von humanen Stammzellen mit den Eigenschaften embryonaler Stammzellen aus Haut- und Bindegewebszellen - sogenannter induzierter Pluripotenter Stammzellen, iPS - hatte gerade zwei Tage zuvor für Schlagzeilen gesorgt. Zugleich fachte die Nachricht bei uns in Deutschland kurz vor der erwarteten Parlamentsdebatte über eine Novellierung des Stammzellgesetzes die kontroverse Debatte erneut an.

Für die versammelten Experten Anlass genug, zu beidem vor interessierten Pressevertretern zu Beginn des Herbstforums sachkundig Stellung zu nehmen. Der Blutkrebsspezialist und Stammzellforscher Anthony Ho, Ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik V der Universität Heidelberg, warnte in seinem temperamentvollen Statement davor, die Forschung mit den – ethisch unbedenklichen – adulten Stammzellen gegen die mit embryonalen Stammzellen auszuspielen. „Gerade die neuen Ergebnisse zeigen doch, dass beide Forschungsrichtungen voneinander profitieren!“ Dafür, dass in den jüngsten Untersuchungen zu iPS die vier entscheidenden „Verjüngungsgene“ identifiziert werden konnten, die den Körperzellen die Tausendsassa-Qualitäten der embryonalen Phase zurückgeben, seien Erkenntnisse aus der Forschung mit embryonalen Stammzellen entscheidend gewesen.

Deutsche Forschergruppen hätten die Möglichkeiten zur Forschung mit adulten wie auch mit embryonalen Stammzellen, deren Import unter strengen Auflagen erlaubt ist, in den letzten Jahren „sehr gut genutzt“, sagte Ho, der als Hämatologe stolz darauf verweisen kann, dass Meilensteine der Stammzellforschung aus seinem Fachgebiet stammen. Dort spielt die Transplantation von Stammzellen aus dem Knochenmark und aus dem Blut schon seit Jahrzehnten in der Therapie eine bedeutende Rolle. Ho betonte, es sei wichtig, dass auch deutsche Forscher in Zukunft die Möglichkeit bekommen, mit embryonalen Stammzelllinien jüngeren Datums zu arbeiten, die nicht mit tierischen Materialien verunreinigt sind. „Fünf Jahre sind in der Forschung eine lange Zeit. Die alten Zelllinien, die vor dem Stichtag 1.1. 2002 gewonnen wurden, sind heute allenfalls für bestimmte Fragestellungen in der Grundlagenforschung brauchbar.“

Auch Frank Emmrich, Kommissarischer Direktor des neuen, vom Bundesforschungsministerium (BMBF) geförderten Translationszentrums für Regenerative Medizin in Leipzig und Vorsitzender des Fördervereins „Leipziger Initiative für Biotechnologie e.V.“, wünscht sich, dass deutsche Forscher mit den etwa 500 wesentlich saubereren Zelllinien arbeiten dürfen, die inzwischen international verfügbar sind. „Wir müssen beide Arten von Stammzellen nebeneinander untersuchen. Und wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass der Weg bis zu einem eventuellen Einsatz embryonaler Stammzellen bei der Behandlung von Menschen auf jeden Fall lang sein wird.“ Das gelte auch für die neuen Hoffnungsträger iPS.

Als Vertreter der Politik sprach sich Michael Kretschmer, Obmann für Bildung und Forschung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, dafür aus, dem fachkundigen Urteil der Forscher stärker zu vertrauen. „Ich persönlich halte es für sehr wichtig, dass Sie als Wissenschaftler in dieser Diskussion eine führende Rolle spielen“, versicherte er den Anwesenden. Kretschmer rechnet damit, dass der Bundestag zu Beginn des Jahres 2008 zu einem Kompromiss finden wird, in dem die von den Forschern gefürchtete Strafbewährung für bestimmte Formen der internationalen Zusammenarbeit fallen und ein neuer Stichtag festgesetzt werden wird. Als Erste Vorsitzende der GRM betonte Ulrike Schwemmer, die Fachgesellschaft hoffe jetzt auf eine solche kompromissfähige Grundlage für die deutsche Stammzellforschung, mit der noch vor einiger Zeit „nicht ansatzweise zu rechnen“ gewesen sei.

Eine Pionier-Rolle haben deutsche Stammzellforscher im Bereich der Herz-Kreislauf-Medizin. Erste klinische Studien zum Einsatz von Zellen aus dem Knochenmark und aus dem Blut kamen aus Hannover, Düsseldorf und Frankfurt am Main. Etwas spöttisch sei die Heilung von Herzinfarkten mittels Stammzellen zunächst als „German Dream“ bezeichnet worden, erzählte beim Herbstforum Stefanie Dimmeler, Leiterin der Molekularen Kardiologie des Medizinischen Klinikums III der Universität Frankfurt am Main. Das hat sich inzwischen längst geändert, nicht zuletzt dank der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützten REPAIR-AMI-Studie. (Mit vollem Namen heißt sie „Reinfusion of Enriched Progenitor Cells and Infarct Remodeling in Acute Myocardial Infarction“.) 204 Patienten wurden hier nach dem Zufallsprinzip zwei Gruppen zugeteilt, von denen eine nach einem Herzinfarkt mit Vorläuferzellen aus dem eigenen Knochenmark behandelt wurde, die in einem logistisch aufwändigen Verfahren in Frankfurt am Main isoliert und aufgearbeitet, an den jeweiligen Behandlungsort zurück transportiert und den Patienten am gleichen oder nächsten Tag mit einem Ballonkatheter in das Infarktgebiet infundiert wurden. Nach vier Monaten hatten die behandelten Patienten eine bessere Herzfunktion und zeigten kaum eine krankheitsbedingte Volumenvergrößerung des Herzens. „Wir glauben, dass wir damit über einen neuen sicheren Ansatz verfügen, um die Herzfunktion dauerhaft zu verbessern“, berichtete Frau Dimmeler. Nun würden jedoch Studien mit großen Patientenzahlen benötigt. „Hier ist der Punkt, wo wir die Unterstützung der Industrie brauchen werden.“ Zu den weiteren Projekten gehören Strategien der Zell-Verbesserung (Cell Enhancement) und Vorbehandlungen des Einbaugebietes in den Koronargefäßen des Patienten. „Regenerative Medizin ist das, was die Biologie uns über die Zeit unseres Lebens immer wieder vorlebt“, so definierte die Internistin Petra Reinke von der Berliner Charité das Feld. Die Leiterin der Platform D Immunology / Cell Therapy des neu geschaffenen Berlin-Brandenburger Centrums für Regenerative Therapien (BCRT) berichtete aus ihrer Arbeit mit regulatorischen T-Zellen. Diese Immunzellen werden zum Beispiel bei Patienten mit chronischen Epstein-Barr-Virusinfektionen isoliert, außerhalb des Körpers mit anderen Immunzellen in Kontakt gebracht und nach verschiedenen Arbeits- und Reinigungsschritten an die Patienten zurückgegeben. Umgekehrt versuchen die Mediziner auch bei vermehrter Immunreaktiviät – etwa bei Autoimmunerkrankungen oder Allergien – Dysbalancen der körpereigenen Abwehr mit Zelltransfer zu behandeln.

Michael Sittinger, der am BCRT den Bereich Translationale Technologien und zugleich an der Charité-Rheumatologie das Labor für Tissue Engineering leitet, berichtete über die Entwicklung von Knorpel-Transplantaten. Aus seiner praktischen Erfahrung heraus mahnte er Wissenschaftler, die sich mit dem „lebenden Arzneimittel“ Stammzelle und mit Gewebezüchtungen beschäftigen, ihre Arbeit schon im frühen Stadium auf klinische Machbarkeit zu prüfen und sich nicht zuletzt über die Möglichkeiten zur Vermarktung Gedanken zu machen. Zum Know How, das die Naturwissenschaftler und Mediziner auf diesem Sektor unbedingt brauchen, gehört auch die Kenntnis des komplizierten gesetzlichen Regelwerkes. Zellbasierte Arzneimittel werden in Zukunft nämlich mit wenigen Ausnahmen eine zentrale Zulassung durch die europäische Arzneimittelbehörde EMEA benötigen. Die neue Verordnung zu den „Advanced Therapies“ erfasse Gentherapeutika, somatische Zelltherapien und Produkte der Gewebezüchtung, erläuterte Norbert Gerbsch, Leiter des Geschäftsfeldes Biotechnologie / Forschung und Entwicklung beim Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BDI). „Damit kommen auch auf die Regenerative Medizin neue Spielregeln zu.“ Moderator Konrad Kohler, Koordinator des Zentrums für Regenerationsbiologie und Regenerative Medizin der Universität Tübingen, ergänzte, dass junge Unternehmen sich hier auch auf neue Kosten einstellen müssten.

„Als Investor ist mir wichtig, dass klare Vorstellungen über klinische Endpunkte und Kontakte zu regulatorischen Behörden bestehen“, schrieb Werner Wolf, Berater von TVM Capital und studierter Naturwissenschaftler, den potenziellen Firmengründern ins Stammbuch. „Als Risikokapitalgeber investieren Sie vor allem in Personen, in Wissenschaftler und Manager mit erkennbarem Drive“, ergänzte Michael Brandkamp, Geschäftsführer des High Tech Gründungsfonds in Bonn. Der Fonds investiert Risikokapital in junge, chancenreiche Technologieunternehmen, darunter zunehmend auch in Firmengründungen aus dem Bereich der Lebenswissenschaften. Diese Phase hat die in Leipzig ansässige, 1997 gegründete Vita 34 Gesellschaft für Zelltransplantate mbH schon hinter sich. In der inzwischen auch an der Börse notierten Firma wird derzeit das Nabelschnurblut von 45 000 Kindern eingelagert, deren Eltern die Dienstleistung bei der Geburt ihres Kindes in Anspruch nahmen, um im Krankheitsfall auf autologe Stammzellen zurückgreifen zu können. Nach etwa zwei Prozent der Geburten werde heute nach diesem Konzept Nabelschnurblut eingelagert, erklärte Firmenchef Eberhard Lampeter. Für eine Nabelschnurblut-Spende an eine Blutbank, von der es später zur Therapie anderer Patienten abgerufen werden könnte, entschließt sich derzeit eines von hundert Elternpaaren. Lampeter sieht beide Formen der Aufbewahrung nicht als Konkurrenz. „Inzwischen können die Eltern, die Nabelschnurblut bei uns einlagern, auch ihr Einverständnis zu einer Fremdnutzung geben, wir stellen es dann nach der HLA-Typisierung in ein Register ein.“ Langfristiges Ziel sei eine Einlagerungsquote von insgesamt 10 Prozent. Lampeter ist sich sicher: „Nabelschnurblut hat ein außerordentlich großes Marktpotenzial.“

An die gesamte Regenerative Medizin knüpfen sich derzeit hohe Erwartungen, aber auch mehr oder weniger diffuse Befürchtungen, wie Frank Emmrich darlegte. Einerseits werde angesichts der steigenden Lebenserwartung immer mehr menschliches Gewebe zu reparieren und zu ersetzen sein, „denn als Säugetier hat der Mensch die Fähigkeit weitgehend verloren, Organe und Gewebe zu regenerieren, wie es der Salamander kann“. Andererseits gebe es die Angst vor dem unverantwortlichen Einsatz der Techniken, etwa beim reproduktiven Klonen. Dank vorbildlich zwischen dem BMBF und der DFG abgestimmter Forschungsförderung könne Deutschland auf dem Feld der Regenerativen Medizin in Zukunft eine führende Rolle beanspruchen. Emmrich berichtete von der Unterzeichnung einer gemeinsamen Charta der vier neuen deutschen Zentren und weiterer Forschungsgruppen zur Gründung einer nationalen Initiative für Regenerative Medizin am 17. Oktober in Leipzig. Man wolle als Ansprechpartner für Politik, Wirtschaft, Behörden, Medien und Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, ohne deshalb jedoch eine neue Bürokratie aufzubauen. „Wichtig ist jetzt, dass wir mit einer Stimme sprechen.“