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Presseinformation Podiumsdiskussion 25.9.2006 in Berlin

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  • Podiumsdiskussion der Friedrich Naumann Stiftung und der Deutschen Gesellschaft für Regenerative Medizin

Berlin, September 2006. Innovative Technologien wecken in der Gesellschaft Erwartungen auf neue, marktfähige Anwendungen und Produkte. Insbesondere die Biotechno­logie, und hier wiederum vor allem Gebiete, die neuartige Therapien zum Ziel haben, stehen unter besonderem Druck. Aber können sie die Hoffnungen auch erfüllen? Auf einer Veranstaltung der Friedrich Naumann in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Regenerative Medizin (GRM) in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissen­schaften diskutierten die Bundestagsabgeordnete Ulrike Flach (FDP) und Experten aus Wissenschaft und Industrie am Beispiel der regenerativen Medizin die aktu­ellen Rahmenbedingungen für den Transfer von Grund­lagenforschung in nutzbringende Anwendungen. Ihr Fazit: Die qualitativ hochwertige Forschung in Deutschland kann vielversprechende Ergebnisse vorweisen. Allerdings läuft sie Gefahr, gegenüber der besser finanzierten internatio­nalen Konkurrenz ins Hintertreffen zu geraten. Selbst in Bereichen, in denen bereits neue Therapiekonzepte zum Einsatz kommen könnten, erschweren restriktive Bestimm­ungen und Erstattungsregelungen hierzulande den Weg in die Klinik.

In den letzten Jahren zeigt die Bevölkerung in Deutschland, trotz einiger Rückschläge wie etwa bei der Gentherapie, eine zunehmend positive Grundstimmung gegenüber der „roten“ Biotechnologie. Mit steigender Lebenserwartung steigen aber auch die Ansprüche an die biomedizinische Forschung, die ein gesundes, geistig aktives Leben im Alter ermöglichen soll. Aufgrund der bisher gewonnenen Forschungsergebnisse und Erkenntnisse äußerte sich Prof. Dr. Frank Emmrich von der Universität Leipzig in seinem Impulsreferat verhalten opti­mistisch, dass die regenerative Medizin diesen Erwartungen Genüge leisten wird.

Schwierigkeiten bereite aber die Überführung in die Anwendung. Voraussetzung dafür sei, dass Forschung und klinische Studien ausreichend gefördert werden. Neben dem Staat müsste hierzu auch die Industrie ihren Beitrag leisten. Pharma-Konzerne zeig­ten sich aber in der Regel wenig risikofreudig, ebenso wie Geld­geber, die sich in den letzten Jahren bei der Finanzierung risi­koträchtiger Projekte kleiner Unternehmen zurückhielten. Spe­ziell in Südost-Asien investiere man dagegen massiv in die Stammzellforschung.„In einer globalisierten Welt geht alles sehr schnell. Wenn neue Möglichkeiten am Horizont auftauchen, müssen wir sie erkennen und nutzen. Aber wir müssen uns sputen“, lautet Emmrichs Appell.

Öffentliche Geldgeber zeigten inzwischen viel Verständnis für Forderungen nach Mitteln für die regenerative Medizin, so seine Einschätzung. Allerdings seien die Tarifsysteme für Wissen­schaftler trotz der jüngsten Änderungen immer noch zu restrik­tiv und die finanziellen Möglichkeiten zu begrenzt, um Spitzen­kräfte an deutsche Universitäten zu binden. Abhilfe könnte hier die Aufstockung der Gehälter durch eingeworbene Gelder für Forschungsprojekte leisten, wie sie in den USA üblich ist. Aber nicht nur an der Finanzierung hapert es. In Deutschland werde die Umsetzung guter Forschung auf dem Gebiet der regenerativen Medizin auch durch ein dichtes, unübersicht­liches Netz von Regelungen erschwert. „Bei der Einführung neuer Arzneimittel oder Medizinprodukte fehlt der Mut zu Über­gangsregelungen“, beklagt der Immunologe. In den USA müssten bis zum Einsatz von Therapie mit körpereigenen Stamm­zellen deutlich weniger Studien und Prüfungsergebnisse vorgelegt werden als bei uns.

Auch bei der Forschung an menschlichen embryonalen Stamm­zellen zeigt sich Deutschland, anders als etwa Großbritannien oder Schweden, unbeweglich: Eine Stichtagsregelung erlaubt nur das Arbeiten mit Zelllinien, die vor dem 1.1.2002 gewonnen wurden. Es sei an der Zeit, hierüber wieder nachzudenken. Allerdings zeige sich das Bundesministerium für Bildung und Forschung in dieser Frage unbeweglich, bedauerte Emmrich.
Als weiteres Hemmnis für den schnellen Erfolg der regenera­tiven Medizin sieht der Leipziger Wissenschaftler die Unklar­heiten bei der Erstattung der Therapiemaßnahmen, etwa im Rahmen von klinischen Studien. Über Versicherungsleistungen befindet in Deutschland eine zentrale Kommission, deren Entschei­dung die Kassen nicht vorgreifen.

In der anschließenden Diskussion, die vom wissenschaftlichen Sprecher der GRM, Prof. Dr. Thomas Skutella aus Tübingen, moderiert wurde, beleuchteten die Teilnehmer die Lage der regenerativen Medizin in Deutschland aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Im Gegensatz zu Emmrich sieht der Kölner Stamm­zellforscher Prof. Dr. Jürgen Hescheler die Situation kritischer. Seiner Meinung nach seien die Ansprüche der Gesell­schaft an die Biotechnologie zu hoch. Sie könne den Erwartungen an die schnelle Umsetzung von Forschungsergeb­nissen nicht gerecht werden. Sein Wunsch: „Man muss den Wissenschaftlern Zeit geben.“ Sonst laufe man Gefahr, dass klinische Versuche durchgeführt würden, bevor die biologischen Grundlagen solide erforscht seien. Rückschläge seien dann nicht auszuschließen. Enttäuschungen könnten auch „schwarze Schafe“ verursachen, die nicht zuletzt durch hohe Gewinner­wartungen dazu verleitet werden, falsche, nicht reprodu­zierbare Erfolge zu vermelden.

Als Spezialist für embryonale Stammzellen plädierte Hescheler für eine einheitlichen Regelung in Europa, damit auch in Deutsch­land die Forschung an adulten und embryonalen mensch­lichen Stammzellen parallel betrieben werden kann, um die jeweils besten Therapiemöglichkeiten für eine Krankheit zu finden.
Bei Herzerkrankungen ist Prof. Dr. Gustav Steinhoff diesem Ziel bereits ein gutes Stück näher gekommen. An der Uni-Klinik in Rostock konnte er nach der Transplantation körpereigener Stamm­zellen nach einem Infarkt eine signifikant bessere Regene­ration des Herzmuskels nachweisen. Auch für andere bisher nicht heilbare Krankheiten, etwa angeborene Herzfehler bei Kindern, sieht er bei allen Risiken auch große Chancen für eine stammzell-basierte Therapie. In der Grundlagenforschung sei Deutschland zwar noch mit an der Spitze, aber bei der Trans­lation in die Anwendung sei zum Beispiel China eindeutig weiter. Er fordert daher den Dialog zwischen Forschungsmini­sterium, Wissenschaftlern und Versicherungen über die weitere Forschungsrichtung und die Planung klinischer Studien: „Wir brauchen eine Innovationsoffensive für Deutsch­land als Pharma- und Medizintechnik-Standort und zur Siche­rung der Wettbewerbsfähigkeit der Gesundheitsversorgung.“

Auch Prof. Dr. Barbara Sickmüller vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie sieht die Biotechnologie und Stamm­zellforschung als Hoffnungsträger für Patienten, die an einer der geschätzt 30 000 bisher nur symptomatisch oder gar nicht behandelbaren Krankheiten leiden. Erfolge bei der Thera­pie von AIDS und bestimmten Tumoren oder die Anwendung des Tissue Engineering, also die Anzucht von Haut-, Knorpel- oder Knochengewebe für die Transplantation, stimmen sie zuver­sichtlich. Bis neue Arzneistoffe oder Methoden zum Ein­satz kommen, vergehen allerdings mehrere Jahre. Deshalb sei es notwendig, dass die Politik verlässliche Rahmenbedin­gungen schaffe. Einheitliche europäische Qualitäts-, Sicher­heits- und Zulassungsvorschriften müssten über den gesamten Entwicklungszeitraum unverändert gelten, damit Unter­nehmen nicht kurz vor der Markteinführung eines Pro­dukts mit neuen regulatorischen Anforderungen konfrontiert werden.

Mit derartigen Hürden hat Dr. Andreas Emmendörffer, Geschäfts­führer der euroderm GmbH, zu kämpfen. Das Leip­ziger Unternehmen züchtet aus Stammzellen von Patienten mit chronischen Wunden Haut für die Transplantation. Die damit erzielten Heilungserfolge verbessern nicht nur die Lebens­qualität, sondern reduzieren auch die Behandlungs­kosten. Trotzdem ist in Deutschland, anders als in der Schweiz, die Kostenerstattung durch die gesetzlichen Krankenversiche­rungen noch nicht geregelt. Die Anforderung neuer Studien­ergeb­nisse und der langwierige Entscheidungsprozess macht eine Zulassung vor 2011 unwahrscheinlich, so Emmen­dörffer. Derartige Verzögerungen bedeuteten gerade für kleine, inno­vative Biotech-Unternehmen ein großes finanzielles Risiko. Er wünsche sich daher bei der Entscheidung über die Förde­rung von Forschungsvorhaben eine stärkeres Beteiligung von Patien­tenverbänden, die ihre Erwartungen in die Diskussion einbringen.

Ulrike Flach, technologiepolitische Sprecherin der FDP-Bundes­tagsfraktion, sieht die Politik gefordert, die ausreichende Finan­zierung der Forschung auf dem innovativen Gebiet der regene­ra­tiven Medizin zu sichern, und Voraussetzungen zu schaffen, die freie Forschung ermöglichen. Beides sieht sie allerdings zur Zeit nicht gegeben. Deutschland stelle zwar Mittel für biotech­no­logische Forschung und bestimmte Bereiche der regene­rativen Medizin zur Verfügung, hinke aber im internatio­nalen Vergleich hinterher. Darüber hinaus behindere die Stichtags­regelung für die Verwendung humaner embryonaler Stamm­zellen die Forschung im eigenen Land, da sie interna­tionale Kooperationen erschwere und Wissenschaftler, die im Ausland mit neuen Zelllinien arbeiten, kriminalisiere.

Für Rückfragen stehen wir Ihnen gern zur Verfügung unter:
Deutsche Gesellschaft für Regenerative Medizin e.V.
Ulrike Schwemmer
Laubestr. 34
60594 Frankfurt a.M.
Tel.: 069-61 99 51 19
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